Dogma - Dokumentation

privatraum ist umgezogen.

unsere neue adresse ist amoebius.org/projekte/privatraum/.

diese seite ist nicht länger aktuell

Franziska sagt:

Jeder wohnt, jeder hat eine Privatsphäre irgendwo zwischen Schlossallee, Badstraße und Pappkarton. Das Vertraute wird nicht mehr wahrgenommen, so ist das Private eigentlich unsichtbar. Wenn es früh dunkel wird, kann man manchmal Blicke in warm erleuchtete Wohnungen werfen und sieht fremde Lampen, Sportpokale auf einem Regal, Vögel in einem Käfig, Plakate an den Wänden oder Ölschinken.

Die eigene Privatsphäre hingegen ist wie eine Haut, die nur wahrgenommen wird, wenn sie besonders angenehme oder besonders unangenehme Empfindungen verursacht. Niemand betrachtet das eigene Leben mit dem selben forscherischen Eifer wie er das fremde ausspäht; Voyeurismus, der sich auf das eigene Privatleben richtet, ist, ob spielerisch oder krankhaft, immer paradox.

Dennoch: Von einer Haut läßt sich ein Abdruck anfertigen, zumindest einer, der einen momentanen Zustand abbildet. Man kann für einen Momemt aus der eigenen Privatheit heraustreten und die materiellen Ausprägungen seines Lebens betrachten.


Martin sagt:

Das Internet ist ein öffentlicher Raum. Millionen Augen beobachten es Tag und Nacht, elektronische Suchrobots durchforsten auch den letzten Winkel. Nichts bleibt verborgen, nichts bleibt privat.

Trotzdem. Viele Menschen betrachten das Internet als Teil ihres Privatlebens. Sie plaudern im Chat wie in ihrem Schlafzimmer, haben e-mail Freunde überall auf der Welt und unterhalten ihre persönliche Homepage, auf der sie Ihre Urlaubsschnappschüsse veröffentlichen.

Diese Dualität von Privatheit und Öffentlichem auf engsten Raum ist uns aus der realen Welt her vertraut, wahrscheinlich so vertraut, daß wir sie gar nicht mehr wahrnehmen. Das Internet, als neues, unerforschtes Medium, schärft wieder unseren Blick (man denke nur an die Datenschutzdebatten), läßt uns das Gewohnte aus einem anderen Blickwinkel und in einer neuen Qualität betrachten.

In Privatraum stellen wir die Privatheit des Realraumes in den öffentlichen Raum des Internet. Wir fordern verschiedene Menschen auf, ihre Privatsphäre zu dokumentieren. Privatsphäre soll hier aber kein eindeutiger Begriff sein. Es ist vielmehr dem Dokumentierenden überlassen, eine eigene Interpretation zu finden. Als Dokumentationsmedium kommen alle webtauglichen Formate in Frage, also z.B. html, Java, Flash, Director, Quicktime, MP3 ... .

Ein zentrales Thema bei Privatraum ist ob und in wie weit sich Privatheit in den veröffentlichen Dokumentationen wiederfindet. Enthalten sie Privatsphäre für den Erschaffer oder/und für den Betrachter? Können sie als Schnittstelle zwischen Privat- und Öffentlichem Raum bzw. Real- und Virtuellem-Raum dienen? Kann so ein Privatraum im Netz entstehen?


Knud sagt:

Was ist privat? Privatheit. "Privates" heißt es auf englisch und meint Intimbereich, ist es auch im Deutschen. Aber privat kann viel sein. Mein Zimmer, meine Gedanken, mein Sexualleben. Alles privat aber immer anders. Mein Zimmer ist privat, wenn ich hier bin und mich nur um mich kümmern muß. Wenn ich schreibe oder lese oder unvorzeigbar verschlafen aufwache. Dann kann ich machen was ich will, niemand guckt, bekommt es mit. Ich habe meine Privatsphäre. Das war's, was mich zu Hause hat ausziehen lassen. Immer nicht zu wissen, kommen die Eltern gleich rein oder nach Hause. Eigenverantwortung. Meins. Nur meins, es sei denn ich lade jemanden ein.

"Meins" trifft es sehr gut. Meine Dateien sind auch meines. Privatkrams, aber anders. Ich filtere, was ich schreibe, ich schreibe nicht, was ich denke, und das geschriebene hat eine andere Qualität von Intimem, zum Beispiel im Vergleich zu Sex im Bett in meinem Zimmer. Es ist eine andere Intimität, eher wie einem Menschen Sachen zu erzählen. Ich erzähle nicht jedem alles und nicht allen das gleiche. Mancher Freund von mir weiß viel, Exfreundinnen auch, weil wir unterschiedliche Ebenen von Intimität geteilt haben oder teilen. Ich erzähle beiden unterschiedliche Sachen. Aspekte meiner selbst. Ich bin meine Privatheit, in der Tiefe. Die Privatheit ist der Kern meines Ichs. Wenn ich die Summe meiner Erfahrungen bin, dann ist jede Erfahrung privat und zwei Erfahrungen zusammen mehr als zwei einzelne. Aber dieses Eigene einer Erfahrung ist nicht objektiv, sondern subjektiv. Bei den meisten Erfahrungen sind andere Menschen beteiligt, sie haben auch eine Erfahrung. Es ist die selbe Situation, die selbe Erfahrung und doch wieder nicht. Anderer Blickwinkel, andere Beurteilung. Anderes Ich mit anderem Gewicht.

Anderer Blickwinkel: Spiel mit Privatheit, Voyeurismus, eine Webcam, Grenzen durchbrechen zwischen Intimität mit dem Netz, allen gleichzeitig. Geht das? Auge mit der Welt dahinter, virtueller Einbruch, der nur im Kopf stattfindet. Schrödingers Webcam, ist die Existenz einer Webcam ein Einbruch in die Privatheit oder die –bertragung? Ob sie an/aus ist, weiß ich nicht. Wenn ich es nicht weiß, dann ist die Tatsache, daß die Kamera da ist der Unterschied, nicht die Funktion. Privatheit ist subjektiv.

Ebenen von Privatheit. Das Internet. Z.B. Chat. Ich nenne nicht meinen Namen, nicht meine eMailadresse damit ich privat bleibe. Falsche Namen, obwohl ich meine Lebensgeschichte im Netz erzähle, über Verflossene und Einsamkeit. Es geht nur über die Anonymität. Sobald es mehr werden soll, persönlicher, muß eine Person her, mit einem echten Namen, kein Pseudonym. Sonst geht es nicht weiter, eine neue Ebene. Sex kann dagegen völlig unprivat sein, unintim. Nichts wissen über den Gegenüber, trotzdem intim sein, aber der Geist bleibt außen vor. Eine Situation mit neuen Erfahrungen aber keinem Austausch von alten. Intimität, körperliche, ohne Intimität, geistige.

Was ist für mich der Inbegriff von "privat"? Was ist privat? Ein Bild. Vielleicht ein Ton. Das Zudrücken meiner Wohnungstür. Ausgezogene Schuhe auf meiner Fußmatte. Der Geruch meiner Wohnung. Das Geräusch meiner Wohnungstür, der Geruch meiner Wohnung ist beliebig, für niemanden wichtig, nur für mich. Beschreiben kann ich es oder den Ton aufnehmen. Kann man Privatheit fotografieren? Das Beeinflussen des Ergebnisses einer Messung durch die Messung. Das Ausstellen des Photos des Privaten als Entprivatisierung. Wenn ich einen privaten Moment photographiere, dann ist der Mensch verletzbar. Sein Menschsein steht auf dem Spiel. Wenn es gelingt, dann berührt das Bild. Einblick in einen anderen Menschen. Sehr schwierig.

Meine Zahnbürste ist privat, mein Notizbuch ist privat, beides photographierbar. Es sind Hintergrund und Gefühl bei Buch und Bürste, die privat sind, nicht die Objekte selber. Teile meines Lebens hinter zwei Wörtern eines Eintrags. Geschichten, meine Erfahrungen. Ich kann sie der Welt zeigen, die Zeile, aber die Geschichte bleibt meine. Das Notizbuch als eine Oberfläche meines privaten Raumes kann ich dokumentieren. Es bedeutet nichts. Kein Eingriff. Die Gefühle dahinter sind nicht zitierfähig ohne Eingriff.