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privatraum - private space

neu / new

31.12.2001 - Ein neuer Privatraum von Johannes. 6.6.2001 - Ein neuer Privatraum von Anna. 1.4.2001 - Die Dokumentation zu Maiks Privatraum. 4.3.2001 - Zeit für ein Redesign! Diese Seite ist das Ergebnis. Die alte 'Raum- und Schnittstelle' Seite war viel zu gross, behäbig und depressiv, ausgelegt auf ein grosses Projekt mit mehreren Teilen. Da die aber auf sich warten lassen und weil der Frühling anderer Farben bedarf, gibt es jetzt eine Seite extra nur für 'privatraum', haleluja. Mit einem statt vier Klicks zu den Projektbeiträgen, dass nenne ich Fortschritt.

einleitung / introduction

Wir leben in einem dreidimensionalen Raum. Seine Struktur und Ausdehnung ist für uns direkt erfahrbar. Wir können ihn sehen, fühlen, uns darin bewegen. Seine formale Beschreibung stellt uns vor keine größeren Probleme, sie ist z.B. mathematisch durch die Auszeichnung von Achsen möglich.

Doch bei genauerer Betrachtung zerfällt dieser physikalische Raum in viele unterschiedliche Räume, mit sehr verschiedenen Charakteristiken. Privatraum konzentriert sich auf zwei dieser Räume: den Privatraum und den virtuellen Raum des Internets. Beide sind schwer zu greifen, obwohl der eine uns sehr vertraut und der andere eigentlich nur eine Ansammlung von Nullen und Einsen in weltweiten Datenleitungen ist.

Um diese Räume greifbar zu machen, habe wir verschiedene Menschen gebeten, ihren Privatraum für das Internet zu dokumentieren. Die fertigen Dokumentationen werden auf dieser Webseite veröffentlicht. Mit der Veröffentlichung des Privaten versuchen wir herauszufinden, in wie weit ein privater Raum im Internet möglich ist, ob durch diese Dokumentation so etwas wie eine Öffentlich-Privatheit entsteht und in wie weit Schnittstellen zwischen den verschiedenen Räumen entstehen können.

beiträge / contributions

der raum

- Johannes - 31.12.2001, 3.0

Oberfläche

- Anna - 6.6.2001, 3.0

chris' private space

- Chris - 6.12.2000, 4.0, e

9 qm

- Franziska - 25.11.2000, 3.0, d

Notizbuch

- Knud - 29.10.2000, 3.0, d

Heimsuchung

- Martin - 25.10.2000, 4.0

4.0, 3.0, flash ... - browser version or plugin required
d - in deutsch / in german
e - in englisch / in english

dokumentation / documentation

franziska sagt:

Jeder wohnt, jeder hat eine Privatsphäre irgendwo zwischen Schlossallee, Badstraße und Pappkarton. Das Vertraute wird nicht mehr wahrgenommen, so ist das Private eigentlich unsichtbar. Wenn es früh dunkel wird, kann man manchmal Blicke in warm erleuchtete Wohnungen werfen und sieht fremde Lampen, Sportpokale auf einem Regal, Vögel in einem Käfig, Plakate an den Wänden oder Ölschinken.

Die eigene Privatsphäre hingegen ist wie eine Haut, die nur wahrgenommen wird, wenn sie besonders angenehme oder besonders unangenehme Empfindungen verursacht. Niemand betrachtet das eigene Leben mit dem selben forscherischen Eifer wie er das fremde ausspäht; Voyeurismus, der sich auf das eigene Privatleben richtet, ist, ob spielerisch oder krankhaft, immer paradox.

Dennoch: Von einer Haut läßt sich ein Abdruck anfertigen, zumindest einer, der einen momentanen Zustand abbildet. Man kann für einen Momemt aus der eigenen Privatheit heraustreten und die materiellen Ausprägungen seines Lebens betrachten.

martin sagt:

Das Internet ist ein öffentlicher Raum. Millionen Augen beobachten es Tag und Nacht, elektronische Suchrobots durchforsten auch den letzten Winkel. Nichts bleibt verborgen, nichts bleibt privat.

Trotzdem. Viele Menschen betrachten das Internet als Teil ihres Privatlebens. Sie plaudern im Chat wie in ihrem Schlafzimmer, haben e-mail Freunde überall auf der Welt und unterhalten ihre persönliche Homepage, auf der sie Ihre Urlaubsschnappschüsse veröffentlichen.

Diese Dualität von Privatheit und Öffentlichem auf engsten Raum ist uns aus der realen Welt her vertraut, wahrscheinlich so vertraut, daß wir sie gar nicht mehr wahrnehmen. Das Internet, als neues, unerforschtes Medium, schärft wieder unseren Blick (man denke nur an die Datenschutzdebatten), läßt uns das Gewohnte aus einem anderen Blickwinkel und in einer neuen Qualität betrachten.

In Privatraum stellen wir die Privatheit des Realraumes in den öffentlichen Raum des Internet. Wir fordern verschiedene Menschen auf, ihre Privatsphäre zu dokumentieren. Privatsphäre soll hier aber kein eindeutiger Begriff sein. Es ist vielmehr dem Dokumentierenden überlassen, eine eigene Interpretation zu finden. Als Dokumentationsmedium kommen alle webtauglichen Formate in Frage, also z.B. html, Java, Flash, Director, Quicktime, MP3 ... .

Ein zentrales Thema bei Privatraum ist ob und in wie weit sich Privatheit in den veröffentlichen Dokumentationen wiederfindet. Enthalten sie Privatsphäre für den Erschaffer und/oder für den Betrachter? Können sie als Schnittstelle zwischen Privat- und Öffentlichem Raum bzw. Real- und Virtuellem-Raum dienen? Kann so ein Privatraum im Netz entstehen?

knud sagt:

Was ist privat? Privatheit. "Privates" heißt es auf englisch und meint Intimbereich, ist es auch im Deutschen. Aber privat kann viel sein. Mein Zimmer, meine Gedanken, mein Sexualleben. Alles privat aber immer anders. Mein Zimmer ist privat, wenn ich hier bin und mich nur um mich kümmern muß. Wenn ich schreibe oder lese oder unvorzeigbar verschlafen aufwache. Dann kann ich machen was ich will, niemand guckt, bekommt es mit. Ich habe meine Privatsphäre. Das war's, was mich zu Hause hat ausziehen lassen. Immer nicht zu wissen, kommen die Eltern gleich rein oder nach Hause. Eigenverantwortung. Meins. Nur meins, es sei denn ich lade jemanden ein.

"Meins" trifft es sehr gut. Meine Dateien sind auch meines. Privatkrams, aber anders. Ich filtere, was ich schreibe, ich schreibe nicht, was ich denke, und das geschriebene hat eine andere Qualität von Intimem, zum Beispiel im Vergleich zu Sex im Bett in meinem Zimmer. Es ist eine andere Intimität, eher wie einem Menschen Sachen zu erzählen. Ich erzähle nicht jedem alles und nicht allen das gleiche. Mancher Freund von mir weiß viel, Exfreundinnen auch, weil wir unterschiedliche Ebenen von Intimität geteilt haben oder teilen. Ich erzähle beiden unterschiedliche Sachen. Aspekte meiner selbst. Ich bin meine Privatheit, in der Tiefe. Die Privatheit ist der Kern meines Ichs. Wenn ich die Summe meiner Erfahrungen bin, dann ist jede Erfahrung privat und zwei Erfahrungen zusammen mehr als zwei einzelne. Aber dieses Eigene einer Erfahrung ist nicht objektiv, sondern subjektiv. Bei den meisten Erfahrungen sind andere Menschen beteiligt, sie haben auch eine Erfahrung. Es ist die selbe Situation, die selbe Erfahrung und doch wieder nicht. Anderer Blickwinkel, andere Beurteilung. Anderes Ich mit anderem Gewicht.

Anderer Blickwinkel: Spiel mit Privatheit, Voyeurismus, eine Webcam, Grenzen durchbrechen zwischen Intimität mit dem Netz, allen gleichzeitig. Geht das? Auge mit der Welt dahinter, virtueller Einbruch, der nur im Kopf stattfindet. Schrödingers Webcam, ist die Existenz einer Webcam ein Einbruch in die Privatheit oder die Übertragung? Ob sie an/aus ist, weiß ich nicht. Wenn ich es nicht weiß, dann ist die Tatsache, daß die Kamera da ist der Unterschied, nicht die Funktion. Privatheit ist subjektiv.

Ebenen von Privatheit. Das Internet. Z.B. Chat. Ich nenne nicht meinen Namen, nicht meine eMailadresse damit ich privat bleibe. Falsche Namen, obwohl ich meine Lebensgeschichte im Netz erzähle, über Verflossene und Einsamkeit. Es geht nur über die Anonymität. Sobald es mehr werden soll, persönlicher, muß eine Person her, mit einem echten Namen, kein Pseudonym. Sonst geht es nicht weiter, eine neue Ebene. Sex kann dagegen völlig unprivat sein, unintim. Nichts wissen über den Gegenüber, trotzdem intim sein, aber der Geist bleibt außen vor. Eine Situation mit neuen Erfahrungen aber keinem Austausch von alten. Intimität, körperliche, ohne Intimität, geistige.

Was ist für mich der Inbegriff von "privat"? Was ist privat? Ein Bild. Vielleicht ein Ton. Das Zudrücken meiner Wohnungstür. Ausgezogene Schuhe auf meiner Fußmatte. Der Geruch meiner Wohnung. Das Geräusch meiner Wohnungstür, der Geruch meiner Wohnung ist beliebig, für niemanden wichtig, nur für mich. Beschreiben kann ich es oder den Ton aufnehmen. Kann man Privatheit fotografieren? Das Beeinflussen des Ergebnisses einer Messung durch die Messung. Das Ausstellen des Photos des Privaten als Entprivatisierung. Wenn ich einen privaten Moment photographiere, dann ist der Mensch verletzbar. Sein Menschsein steht auf dem Spiel. Wenn es gelingt, dann berührt das Bild. Einblick in einen anderen Menschen. Sehr schwierig.

Meine Zahnbürste ist privat, mein Notizbuch ist privat, beides photographierbar. Es sind Hintergrund und Gefühl bei Buch und Bürste, die privat sind, nicht die Objekte selber. Teile meines Lebens hinter zwei Wörtern eines Eintrags. Geschichten, meine Erfahrungen. Ich kann sie der Welt zeigen, die Zeile, aber die Geschichte bleibt meine. Das Notizbuch als eine Oberfläche meines privaten Raumes kann ich dokumentieren. Es bedeutet nichts. Kein Eingriff. Die Gefühle dahinter sind nicht zitierfähig ohne Eingriff.

maik sagt:

Privatraum kann nur eine Momentaufnahme sein. Er ist immer im Wandel und findet in meinem Kopf statt. "Jeder Mensch trägt ein Zimmer in sich. Die Tatsache kann man sogar durch das Gehör nachprüfen. Wenn einer schnell geht und man hinhorcht, etwa in der Nacht, wenn alles ringsherum still ist, so hört man zum Beispiel das Scheppern eines nicht genug befestigten Wandspiegels. (Franz Kafka)"

Hier ist der Versuch, einen Verstärker an dieses Scheppern zu legen und es so für ein groes Publikum zugänglich zu machen, nicht nur für die Horchenden in der Stille der Nacht. Ferner ist die Verstärkung nicht auf die unbedachten Geräusche von unachtsam Befestigten beschränkt, sondern ich habe hier eine bewute Auswahl getroffen.

Aber dennoch bleibt es auf einen Augenblick beschränkt. Das Zimmer wird permanent umgeräumt oder ich ziehe gar um, ich entwickele mich weiter, meine Interessen wandeln sich. Einige Dinge bleiben konstant oder wandeln sich nur sehr langsam, sind daher auf eine lange Zeit vorzufinden. Andere widerum verändern sich unaufhörlich und tauchen vielleicht nur wenige Augenblicke auf.

Mein Privatraum sieht jetzt schon gänzlich anders aus, aber er ist aus dieser Momentaufnahme hervorgegangen. Jeder ist ein Produkt seiner Vergangenheit. Präsentiert wird also eine Vorform meines jetzigen selbst.

Zu beachten ist aber die Tatsache, da es sich nur um die Verstärkung der Geräusche aus dem Zimmer handelt, es ist keineswegs ein direkter Blick ins Zimmer oder gar nur in den Spiegel. Die tiefsten Verstecke, die stillen Geheimnisse bleiben auch weiterhin verborgen. Wohl ichselbst erblicke nicht alles oder einiges verschwindet unter dem Stapel von anderes. So steht mirselbst zwar der Zugang zu diesem Zimmer offen, aber ergründen mu ich es auch immer wieder. In den Spiegel schauen und bewerten, was ich da sehe.

Der Privatraum ist also nicht nur ein Sofortbild, sondern auch nur ein Abbild. Er liefert also eine Vorstellung davon wie es in diesem einen Augenblick in mir ausgesehen hat, aber nicht genau das, was sich an der Wand spiegelt. Dargestellt werden nur die verbildlichte Verstärkung vieler Schepperns unterlegt mit wenigen Worten, der Rest bleibt dem Betrachtenden überlassen, der sich so seine eigene Sichtweise schafft, wie es ebenfalls bei einer direkten Begegnung mit mir der Fall ist.

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